Zuckerrohr und die Gesundheit

39°C zeigte das Thermometer im Auto an, auf der Fahrt über die BR-232 nahe Custódia-PE. Während bei uns in Deutschland überraschend der erste Schnee fiel und in einigen Gegenden nichts mehr fuhr, so ist der Nordosten von Brasilien zu nah am Äquator, als dass sich dort Jahreszeiten bemerkbar machen würden.  Nur wenn mal einige Tage lang Regen fällt, dann ist Hochsommer. Meist im Februar. Die restlichen 11 Monate im Jahr ist es trocken. Richtig trocken. Flüsse verschwinden, Quellen versiegen. Die Trink- und Brauchwasserversorgung für diese Region (Sertão) ist ziemlich aufwändig. Es brennt dann auch oft an vielen Stellen. Hier ein kleiner Eindruck vom 26.11.2023 in der Nähe von „Sítio dos Nunes“ bei Flores-PE.

Auch wenn es schon lange gesetzlich verboten ist, so werden doch immer wieder auch noch abgeerntete Zuckerrohrfelder abgefackelt. Meist glüht dann Nachts der Himmel…

Abgefackeltes Feld

Zuckerrohr ist der wichtigste Agrarartikel im Nordosten. Bevor in Europa die Zuckerrübe gezüchtet wurde war der brasilianische Rohrzucker ein bei uns in großen Mengen importierter Artikel. Das ist aber schon lange Geschichte. Heutzutage wird das Zuckerrohr für etwas anderes benötigt: Ethanol.

Zuckerrohr LKW
Ein typischer Zuckerrohr Transporter. Nicht selten mit 2-4 Anhängern unterwegs. Aufgenommen in der Nähe von Araçoiaba-PE.

Praktisch jedes „normale“ Auto in Brasilien hat einen „FLEX“ Motor. Das bedeutet, es kann in jedem beliebigen Verhältnis von „Gasolina Comum“ (Benzin) und „Etanol“ (Alkohol) gefahren werden. Fährt man in der Stadt empfiehlt es sich Ethanol zu tanken, will man längere Strecken fahren ist Benzin die günstigere Wahl, weil man damit deutlich weiter kommt. Und dieser Alkohol wird eben aus Zuckerrohr gewonnen.

Zwar hat Brasilien auch Erdölvorkomnisse, aber die wenigen eigenen Raffinerien können den riesigen Bedarf nicht decken. So muss weiterhin Bezin teuer auf dem Weltmarkt eingekauft werden. An der Tankstelle sieht das im Dezember 2023 etwa so aus: Gasolina Comum: R$5,79 – Etanol: R$3,49

Ein kleiner Teil des Zuckerrohr wird auch tatsächlich noch zu Zucker verarbeitet. Oder sagen wir besser: Zu „Rapadura“.

Kurz vor dem "Festa de Rapadura" stehen 3 Patenkinder aus dem Heim 127 in Santa Cruz da Baixa Verde-PE vor einem riesigen Block "Rapadura"

Das Ernten von Zuckerrohr erfolgt weitgehend mit Muskelkraft. Eine extrem anstrengende Tätigkeit in der Hitze, zwischen den Pflanzen und Insekten. Nicht zu vergessen die wirklich scharfkantigen Blätter. Wer Glück hat und einen Job bei der Ernte ergattert kommt vielleicht mit12-15€ pro Tag nach Hause. Aber die Konkurrenz billiger Arbeitskräfte ist groß.

Ist das Zuckerrohr geerntet und soll zu „Rapadura“ verarbeitet werden, dann wird zunächst der Saft aus den Rohren gepresst und in einer großen Schale aufgefangen. Mit den ausgepressten Resten wird ein Feuer unter dieser Schale entzündet. Nachdem viel Wasserdampf entwichen ist, wird diese „Brühe“ mit großen Schöpfkellen in die nächste Schale gegossen.

Engenho
Blick in ein "Engenho". Oben wird der Zuckerrohrsaft aufgekocht und kommt nach mehrmaligem Umschöpfen relativ zäh in die letzte Schale.
Rapadura
Das fertige Produkt: "Rapadura". Das kann man dann überall im Supermarkt kaufen. Es ist extrem süß.
Cachaça
Alternativ kann man natürlich auch trinkbaren Alkohol aus Zuckerrohr gewinnen: Cachaça. Die Basis für Caipirinha.

Ein ganz anderes Thema: Gesundheit. Rette ein Kinderleben e.V. versucht in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gesundheitsstützpunkten auf wichtige Themen aufmerksam zu machen. Z.B. ging es beim „Outubro rosa“ (Rosa Oktober) in mehreren Veranstaltungen für die Mütter um das Thema Brustkrebsvorsorge. Der „Novembro Azul“ (Blauer November) sprach dann die Männer an und informierte über Prostatakrebs.

Novembro Azul
Die Veranstaltungen wie hier im Heim 101 waren sehr gut besucht. Es bestand ein wirklich großes Interesse an diesem Thema.

Leider trifft es aber auch in anderen Fällen die ganz Kleinen: Hautkrankheiten. Wenn man dann sieht, wie diese kleinen Kinder leiden müssen… Wir versuchen so gut es geht zu helfen. Dank unserer eigenen Gesundheitskasse (Danke an die weiterhin treuen Spender!) können wir die oftmals lange Wartezeit im kostenlosen Brasilianischen Gesundheitssystem durch bezahlte Besuche bei Fachärzten abwenden. Hier kam wieder ein sehr dringhender Fall in unser Heim 125 in Princesa Isabel-PB. Die Heimleiterin rief sofort im 55km entfernten Serra Talhada-PE in einer Spezialpraxis an und konnte das Mädchen dorthin zur Untersuchung bringen. Anschließend besorgten wir eine größere Menge an verschiedenen Cremes und Medikamenten (u.a. Kortison).

Hautkrankheit
Schlimme Hautprobleme am ganzen Körper
Hautprobleme
Ein anderes Mädchen hat ebenfalls Hautprobleme am ganzen Körper
Medikamente
Medikamente für ein Kind welches von unserem Heim 127 betreut wird. Ebenfalls Hautprobleme.

Zum Glück nicht so dramatisch aber doch mehrmals im Jahr sorgen wir auch dafür, dass Patenkinder eine nötige Brille erhalten. Das wird ebenfalls aus unserer „Gesundheitskasse“ , also auch durch allgemeine Spenden an den Verein, finanziert.

Sehtest
Sehtest für eine 1. Brille. Vorausgegangen waren ständige Kopfschmerzen in der Schule.

Durch Corona etwas in Vergessenheit geraten war ein ganz anderes, wichtiges Thema für die inzwischen nachgewachsenen Teenager: Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten.

In ganz Südamerika ist es nicht wirklich ungewöhnlich, wenn auch 13 oder 14 jährige Mädchen schon schwanger werden. Oftmals aus kompletter Unwissenheit. Rette ein Kinderleben e.V. versucht durch Aufklärung dazu beizutragen, dass eine Schwangerschaft möglichst erst nach dem Absolvieren der Schulausbildung in Betracht kommt und man sich bis dahin wirksam schützt.

Jedes der teilnehmenden Mädchen (ab 14 Jahre) sollte zumindest einmal selbst ein Condom aus der Packung entnehmen und auf einem Holzmodell aufrollen, denn wenn die Nacht heiß ist, die Musik erklingt und der Mond scheint… Dann ist es zu spät zum Lernen. Dann sollte ein Mädchen bereits wissen, wie es sich schützen kann.

Aufklärung Condom
Heimleiterin Sra. Gabi aus dem Haus 128 in Manaira erklärt wie ein Condom aussieht und wofür man es einsetzt.
Aufklärungsunterricht
Diesen Mädchen im Heim 112 in Araçoiaba-PE erklärt eine Mitarbeiterin vom Gesundheitsstützpunkt die Anwendung "femininer Condome".
HIV-Test
Anschließend gab es für die bereits "aktiven" Mädchen die kostenlose Möglichkeit sich u.a. auf HIV und Syphillis testen zu lassen.

Rette ein Kinderleben e.V. möchte niemandem seinen „Spaß“ nehmen. Jeder, der sich alt genug fühlt Sex zu haben darf dies gerne tun. Wir möchten aber dazu beitragen, dass es ein „unbeschwertes“ Vergnügen ist und nicht mit einer ungewollten Schwangerschaft oder gar Krankheit endet. Wissen und Verantwortung sollen rechtzeitig vermittelt werden.

In eigener Sache:

Eine ganz besondere Erfahrung mit dem brasilianischen Gesundheitssystem hatte Ende November 2023 unser 1. Vorsitzender bei einer Reise in den Nordosten. Hier sein Bericht:

Zusammen mit 2 weiteren Vereinsmitgliedern von Rette ein Kinderleben e.V. fuhr ich als Beifahrer in einem großen Pick-Up Truck zu einem Besuch „in der Wildnis“. Irgendwie hatte ich das Gefühl Seekrank zu werden. Zurück um die Mittagszeit im Hotel musste ich mich übergeben: Blut. Ganz viel Blut.

Oh je. Das Internet sagt: Notfall, sofort ins Krankenhaus. Nur… In Triunfo gibt es kein Krankenhaus. Die nächste Klinik nach europäischem Standard ist in der Bundeshauptstadt Recife. Eine Fahrt von 6-8Std. Außerdem war für den Abend zum ersten Mal seit Jahren ein Abendessen mit allen Mitarbeiterinnen der Region geplant. Hmm… Also erstmal abwarten, wie sich das entwickelt.
Am nächsten Tag dann die Überlegung mit den beiden anderen Vereinsmitgliedern die Tour in Richtung Alagoas fortzusetzen um auch unser Heim 102 in Igaci zu besuchen. Tagesziel war abends die Bundeshauptstadt Macaió, wo es notfalls auch ein Krankenhaus gäbe.

Eigentlich verlief die stundenlange Fahrt soweit gut, nur dass mein Pulsschlag kontinuierlich schneller wurde. Wozu hat man schließlich diese Smartwatch… 130…135…140… Das ist ein ziemlich schneller Puls gewesen. Also hab ich mich nach der Ankunft so gegen 18:00h gleich ins Bett gelegt.
Bald darauf wache ich auf und muss ins Bad mich übergeben: Blut. Nicht gut. Ich setze mich auf die Toilette, sehe noch auf die Uhr: 20:00h.

Dann liege ich plötzlich auf dem gekachelten Boden vor dem Waschbecken mit einer riesigen Platzwunde auf dem Kopf. Ich muss ohnmächtig geworden sein. OK, nun war es soweit: Notfall. Ich schleppte mich zurück zum Bett und rief die Rezeption an: Emergencia, Ambulancia (Notfall, Krankenwagen).

Nach gut einer Stunde fuhr mich die Besatzung zum HGE, dem Hospital Geral do Estado der Stadt Maceió. Einer 2008 eröffneten Klinik.

Die Platzwunde am Kopf wird gespült und genäht.

Die Nacht über blieb ich dort in der Notaufnahme liegen. Nachdem die Kopfwunde genäht war standen nun weitere Untersuchungen an: Computer Tomographie (CT), Blutuntersuchung und am nächsten Tag eine Gastroskopie (Magenspiegelung).

Leider wurde ich gegen Mittag dann von dieser Station „vermelho“ (rot) auf eine größere, ca. 20-22 Betten große Station „amarelo“ (gelb) gebracht. Ich musste alles ausziehen und durfte lediglich eine gerade so eben passende Windel anhaben!!! Zum Glück war mittlerweile meine Procuradora, Sra. Taís, aus Recife angekommen und hat meine Sachen an sich genommen. Sonst hätte ich diese vielleicht nie wieder gesehen…

Gegenüber im Bett lag eine alte Fau und rührte sich nicht mehr. Sie war wohl schon vor einer Weile gestorben. Da lag sie, bis sie viele Stunden später in einen grauen Plastiksack gestopft wurde… Die alte Frau daneben japste auch schwer nach Luft. Direkt links neben mir die Frau, die wohl schon vor längerer Zeit einen dicken Zeh verloren hatte, sie stöhnte unaufhöhrlich. Sie war komplett Gelb. Wohl eine schwere Leberkrankheit. Eines der Geräte, mit denen man den Zufluss der Mittel zur intravenösen Verabreichung einstellen kann, piepste ständig im Alarmmodus. Da lief nichts durch. Irgenwann kam jemand und stellte den Alarm ab ohne sich darum zu kümmern warum dieser losging. Und nach wenigen Minuten ging das Piepsen wieder los.
Ich kam mir vor wie auf einer „Abnippelstation“ (Filmzitat…). Patienten wurden hier zur „Sache“. Die Ärzte untereinander und das andere Personal schrien sich ständig an. Nicht böswillig, aber eben ziemlich laut. Nicht gut, wenn man krank ist und seine Ruhe will…

Inzwischen bekam ich zum 3. Mal eine Blutkonserve. Danach noch die übliche Kochsalzlösung. Mir fehlte offenbar viel Blut.
Nachmittags dann endlich die Magenspiegelung mit dem Ergebnis (3 Stunden später), dass nichts mehr blutet.

Zum Glück spreche ich die Sprache und kann verstehen wer, was, wann von mir will und warum.Vorsorglich hatte ich abends noch per Kontaktformular das deutsche Konsulat in Recife informiert, aber die haben bis heute keinerlei Reaktion gezeigt.

Sra. Taís hatte mitlerweile organisiert, dass ich in eine Privatklinik wechseln konnte. Wozu hat man schließlich seine Auslandskrankenversicherung…
Was war ich froh, wie ich abends endlich aus diesem öffentlichen Krankenhaus raus kam. Alles war kostenlos. Das muss man betonen. Die Behandlung hat absolut nichts gekostet. Das „drumherum“ mit sterbenden Menschen und brüllenden Ärzten war mir aber irgendwann viel zu viel.

Das private Krankenhaus „Santa Casa de Misericórdia“ (Heiliges Haus der Barmherzigkeit) zog gleich mal vorsorglich 5000€ von der Kreditkarte ab. Dafür gab es aber auch einen wirklich perfekten Standard mit Einzelzimmer und eigenem Bad. Zig Mal pro Tag wurde ich „gepikst“, wurde Blut entnommen, kam jemand um Blutdruck, Sauerstoffgehalt und Blutzucker zu messen. Eine Ärztin erklärte mir sehr gut alle Vorgänge. First Class.

Santa Casa de Misericoórdia - Maceió

Eine weitere Magenspiegelung und viele Blutuntersuchungen später habe ich nach 3 Nächten selbst entschieden ohne sog. „Alta médica“ (ärztliche Entlassung), dass es mir nun gut genug geht um möglichst schnell wieder nach Deutschland zu fliegen.

Das Brasilianische Gesundheitssystem hat seine guten- aber leider auch viele schlechten Seiten. In der Großstadt gibt es kostenlose medizinische Versorgung auf wirklich gutem Niveau. Abstriche bei der B Note für die Unterbringung…
Auf dem Land hingegen ist oftmals höchstens eine „Maternidade“ zu finden, wo Frauen ihre Kinder bekommen können. Kleinere Gesundheitsstationen haben meist nur eine „Enfermeira“ (Krankenschwester) und keinen Arzt. Wenn es um schnelle, professionelle Behandlung geht, dann hilft eine Kreditkarte natürlich gewaltig weiter. Auch die Medikamente muss man bei privater Behandlung selbst bezahlen. Für arme Familien unmöglich zu realisieren…

Und ja: Wenn das Internet sagt, es ist ein Notfall, dann ist es auch wirklich ein Notfall… Also sofort ab ins Krankenhaus, auch wenn es 6-8 Stunden Fahrt entfernt ist. Reflux hatte meine Speiseröhre verätzt und ich bin fast innerlich verblutet. Komplett schmerzfrei übrigens…
Zum Glück hatte sich diese Wunde von alleine wieder verschlossen und ist es bis jetzt geblieben.

Armut
Viele, viele Kinder leben in unvorstellbarer Armut. Bitte helfen Sie weiterhin mit Ihren großzügigen Spenden. Danke!

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