Alles wird komplizierter…

Diese Kinder aus Jaqueira-PE haben ihren Spaß. Da wo vor kurzem der Fluß noch über einen Meter hoch über die Ufer trat hat die Stadt neue Spielgeräte aufgestellt. Schließlich wollte man Stimmen bei den Wahlen gewinnen.

Nun entscheidet sich erst am 30.10. welcher Präsident Brasilien führen wird. Jeder hat da so seine Meinung zu dem Thema, also behält man diese besser für sich, um endlosen Diskussionen und Streit aus dem Weg zu gehen. Wir werden es ja bald sehen.

Rette ein Kinderleben e.V. hat seinen „Präsidenten“ bereits gewählt. Bei der letzten Mitgliederversammlung im Juli wurde der Vorstand in geheimer, einzelner Wahl im Amt bestätigt. Ein sog. Sitzungsprotokoll ist natürlich erstellt worden und befindet sich abgeheftet im Ordner, wo es in aller Regel niemanden weiter interessiert.

Aber wir müssen etwas ähnliches auch für Brasilien erstellen. Eine sog. „ATA de Reunião“, denn Rette ein Kinderleben e.V. ist ja auch in Brasilien als eingetragener Verein registriert. Dort legt man auch Wert darauf, dass diese ATA von allen Mitgliedern, die bei der Sitzung anwesend waren, unterschrieben wird.
Diese Unterschriften müssen in Brasilien im Notariat bestätigt werden. Erst danach kann man dieses Dokument zur Banco do Brasil bringen, die daraufhin die Kontosperre aufhebt, die automatisch alle 2 Jahre stattfindet, bis eben diese ATA eingereicht wird. Das Spielchen spielen wir nun schon seit Jahrzehnten. Immer wieder einmal gibt es dabei Probleme, denn nicht jeder hat immer dieselbe Art seine Unterschrift auf Papier zu bringen. Auch wird man Älter und die Handschrift dadurch nicht „schöner“.
In diesem Jahr wurden gleich 3 Unterschriften nicht anerkannt. OK, einmal hatte jemand seinen Vornamen abgekürzt. Das ist für ein Notariat offensichtlich eine Todsünde. Selbst ein nachgereichtes Foto des Unterzeichners mit einem Zettel auf dem beide Versionen der Unterschrift zu sehen waren half nichts.
Die Unterschrift muss 100% gleich derjenigen sein, die vor Jahren persönlich in Brasilien hinterlegt wurde.
Und so muss nun ein neues Dokument von allen Mitgliedern unterschrieben werden. Natürlich per Post quer durchs Land und dann per Express nach Brasilien. Das dauert…und die Bank wird natürlich erstmal unser Konto sperren…


Andere Baustelle: Als gemeinnütziger Verein ist man üblicherweise davon befreit Steuern zu zahlen. Auch in Brasilien ist das so. Dort geht es vor allem um so etwas wie eine Grundstückssteuer ITPU („Imposto sobre a propriedade predial e territorial urbana“). Aus nicht nachvollziehbaren Gründen wird nun seit einigen Jahren immer wieder aufs neue ITPU für unser Heim 109 in Barra de Jangada-PE eingefordert. Schon 2016 war der Presidente (1. Vorsitzende) zusammen mit der Brasilianischen Administratorin und auch einer Anwältin vor Ort im Büro, wo diese Steuern verwaltet werden. Nach 4-5 Stunden und 3 Gesprächen wurden wir vertröstet: Man würde das nun bearbeiten und uns wieder, wie zuvor, von der Steuer befreien. Dann vor 3-4 Jahren erneut eine Zahlungsaufforderung. Erneut ein Einspruch der Anwältin und wieder kein abschließendes Ergebnis. Zwischendurch mehrmals nachgefragt, aber keine Antwort. Heute nun kam ein netter Brief in dem uns angekündigt wurde, man würde bei uns pfänden, wenn wir nicht heute noch bezahlen würden. Inzwischen will man R$12.000, was so um die 2.400€ sind. Geld, was wir als Verein nicht zahlen müssen, aber die bekommen das einfach nicht in ihrem System ordentlich hinterlegt.

Man kann manchmal wahnsinnig werden, wie brasilianische Verwaltungen arbeiteten. Unsere Administratorin kämpft jede Woche mit solchen Dingen. Oftmals kommen Mahnungen zu Rechnungen die schon lange bezahlt sind. Das kennen wir ja schon. Aber diese ITPU Sache ist langsam nervig, weil es immer wieder um dasselbe geht und niemand dort Zeit hat sich damit zu befassen. Und so steht im Computer weiterhin nichts von einem Verein…
Es hat sich zwar durchaus einiges verbessert, aber letztendlich ist Brasilien in vieler Hinsicht noch ein Land der 3. Welt.

Nicht zuletzt deswegen hatte Rette ein Kinderleben e.V. vor einigen Jahren 2 rein brasilianische Vereine gegründet: Simja-SC und Simja-PI
Dadurch sind Behördengänge deutlich einfacher geworden. Wenn da mal eine Unterschrift „anders“ aussieht, dann geht man eben persönlich zum Notariat und unterschreibt so lange bis es passt…

Die Erfahrung mit diesen beiden Vereinen, die von ehemaligen Mitarbeiterinnen geführt werden und die weiterhin die gleiche Arbeit machen wie zuvor, bringt uns zu der Entscheidung den Verein Rette ein Kinderleben e.V. in Brasilien in absehbarer Zeit löschen zu lassen.

Das hat keinerlei Auswirkung auf die Arbeit in Deutschland, wo der Verein unverändert weiter existiert. Aber um die Bürokratie in Brasilien „auszutricksen“ ist es besser die Arbeit vor Ort von eigenen aber rein brasilianischen Vereinen machen zu lassen.


Ganz andere Baustelle: Corona. Jeder kann seine eigene Geschichte erzählen, wie ihn Corona betroffen hat. Viele waren krank, manche sind an oder mit Corona gestorben, viele geschlossene Firmen & Geschäfte haben es finanziell nicht verkraftet.

Rette ein Kinderleben e.V. hat die Jahre 2020 und 2021 mit 2 blauen Augen überstanden. Natürlich haben auch wir festgestellt, dass weniger Sonderspenden eingingen und dass uns einige Paten verlassen haben. Erst bei der Verabschiedung des Finanzberichtes für 2021 bei der Mitgliederversammlung zeigte sich das ganze Ausmaß: Der Verein konnte im Jahr 2021 über 100.000€ weniger Spenden einsammeln als im Jahr zuvor.
Das tut weh. Das ist auch direkt spürbar. Wir können nur das Geld ausgeben, welches wir als Spenden sammeln. Wenn es weniger Spenden sind, dann können wir entsprechend weniger helfen…

Eigentlich müssten wir von Ihnen höhere monatliche Spenden fordern… Aber natürlich tun wir das nicht. Wir sparen wo es nur geht.

Das Heim 124 haben wir aus finanziellen Erwägungen schon geschlossen. Die kleinen Heime 103, 109 und 110 folgen in absehbarer Zeit.
In unserem Büro in Limburg mussten wir eine Mitarbeiterin entlassen, die sich bislang um die Post zwischen Paten und Patenkind gekümmert hatte. Durch eine effektivere Organisation ist diese Arbeit aber gut abgefangen worden und Ihre Briefe kommen genauso schnell beim Patenkind an wie zuvor.

Seit jahrzenten veranstalten wir ein „Festa de 15 anos“, ein Fest für die 15 Jahre alt gewordenen Mädchen. Dieser Geburtstag ist etwas ganz besonderes in ganz Mittel- und Südamerika, denn damit wird ein Mädchen offiziell zur Frau erklärt. Das fällt nun leider aus. Etwa 3000€ hätte das in diesem Jahr gekostet und die sind einfach nicht mehr vorhanden.

Auch das Büro in Limburg, seit mittlerweile 39 Jahren am selben Ort, wird aufgegeben, sobald in einer bereits ausgesuchten Shared-Office Umgebung wieder ein kleines (24qm) Büro frei wird. Wir sparen wo es nur geht.
Natürlich gab es 2022 keine Reise nach Brasilien, denn die Flugpreise haben sich verdreifacht.

Für 2022 lässt sich abschätzen, dass die Spendeneingänge wiederum weniger geworden sind. Es gab natürlich auch schon Kündigungen von Paten in Erwartung höherer Heizkosten.

Hoffentlich wird es 2023 wieder besser und die Gesamtsituation freundlicher. Jede einzelne beendete Patenschaft tut sehr weh. Nicht nur uns aber ganz besonders dem Kind, das nun keine Unterstützung mehr bekommt.

Patenkind

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